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Trauriges Mädchen

Schöne Geschichten und Gedichte. Können romantisch sein, müssen's aber nicht...

Trauriges Mädchen

Beitragvon Raz » 31.01.2010 20:08

Prolog

„Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen? Das Mädchen ist vierzehn! Sie ist doch noch ein Kind!“
Wieder einmal überschlägt sich die Stimme meiner Mutter. So aufgebracht ist sie selten, aber wenn sie es ist, dann ordentlich. Sie sitzt mir gegenüber am Küchentisch und krallt sich förmlich in die Platte hinein, sonst würde sie wohl ganz außer sich von ihrem Platz aufspringen.
„Sie ist kein Kind, sie ist meine Freundin, wie du nun weißt.“, sage ich. Meine Gabel lege ich zur Seite, das Essen hat sich jetzt für mich erledigt.
„Freundin?“, empört sich meine Mutter. „Das Mädchen ist vierzehn! Vierzehn! Du wirst bald einundzwanzig, was willst du mit einem Kind?“ „Ich liebe Tamara!“, entgegne ich hemmungslos. Sonst ist es mir immer, ich will nicht sagen peinlich, aber eine Situation die mich erröten lässt, wenn ich jemanden erzähle, wen ich liebe. Aber jetzt ist es gerade ganz anders. Eine andere Situation.
„Liebe?“ Meine Mutter verdreht die Augen und haut auf den Tisch. „Weiß das Mädchen denn überhaupt, was Liebe ist? Und vor allem, woher will sie mit vierzehn schon wissen, dass sie sich auch in Frauen verlieben kann? Sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich! Eh du dich versiehst hat sie sich wieder neu verliebt und du hockst wieder unglücklich in deinem Zimmer!“ „Hör auf damit!“, schreie ich. „Das ist doch alles gar nicht wahr!“
Meine Mutter weiß genau, wie sie meine wunden Punkte treffen kann.
Seit mich meine ExFreundin verlassen hat, plagen mich fürchterliche Verlassensängste. Dass auch Tamaras liebevoller Blick mir eines Tages nicht mehr gelten könnte, machte mich schon an dem Tag wahnsinnig, an dem wir zusammenkamen…
Auch wenn sie von früheren Freunden erzählt oder mir gar Bilder zeigt, stirbt mein Herz jedes Mal aufs neue. Aber ich liebe sie einfach zu sehr. Viel zu sehr.
„Line.“ Wenn meine Mutter mich bei meinem Spitznamen nennt, weiß ich, dass sie mir gut zureden will, weil ich in ihren Augen einfach nur stur bin. „Ihr kennt euch doch kaum. Ihr kennt euch noch nicht so lange. Wie willst du da schon von Liebe sprechen?“
Ich starre die Tischplatte an. Demonstrativ schiebe ich auch meinen Teller weg. „Schau doch. Ich kann vor Liebe nicht mal essen. Ich muss nur Tamaras Stimme hören oder in ihre Augen sehen, dann ist mir egal, was um mich herum passiert.“
„Du kannst dafür ins Gefängnis kommen!“, platzt es mit einem Mal aus meiner Mutter heraus. „Das ist verboten!“ „Bitte was? Ich schlafe nicht mit Tamara!!! Ich halte ihre Hand, nichts weiter, dagegen hat keiner was zu sagen!“
Kopfschüttelnd legt meine Mutter das Haupt in ihre Hände. Sie seufzt schwermütig. „Du rennst in dein Verderben. Beende dieses Verhältnis zu diesem Kin…Mädchen und sei vernünftig.“ „Lieber sterbe ich!“, knurre ich sie an und springe von meinem Platz auf. Völlig außer mir verlasse ich die Küche. Eigentlich liegt mir meine Mutter am Herzen. Eigentlich hasse ich es, sie so angehen zu müssen.
Aber diese Situation ist eskaliert.
Ich bin verliebt. Und ich bin ein trauriges Mädchen.
Doch alles der Reihe nach…
Angefangen hatte das alles im Oktober…

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Beitragvon RomanoP » 31.01.2010 20:52

Hey Raz,
also ich kann nur sagen: WOW wirklich wunderbar schön geschrieben.
An manchen Stellen erkenne ich mich sogar ein wenig wieder als würde ich dort sitzen. Deine Art zu Schreiben finde ich echt total fesselnd uns spannend man möchte einfach weiterlesen.

Ich habe mich auch mal am Schreiben versucht und habe gemerkt das ist garnicht so einfach daraus wurde auch nichts und dann habe ich das wieder von meinem PC gelöscht. :'-(
Aber genug Lebenserfahrung und somit auch Stoff für Storys hätte ich.

Kannst du mir vielleicht mal ein paar Tips geben wie man so schön schreibt wie du. Und eine gewisse Handlung reinbringt ohne die Geschichte zum Kaugummi zu machen.

Romano

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Hast du alles, fragte er. Er nahm seine Hand und sagte jetzt schon!

Mein Größtes Vorbild ist: Ein Stuhl. Er sieht jedem Arsch gelassen entgegen.

Der Bau von Luftschlössern kostet nichts, aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.
-Francois Mauriac-

Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug.
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Beitragvon Raz » 31.01.2010 21:10

So, du hast PN ;-)

Also dann, Fortsetzung folgt ;-D

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Beitragvon Raz » 01.02.2010 00:31

~Oktober~

Nervös trommle ich mit den Fingern auf dem Schreibtisch herum.
Wie lange ich schon auf den Bildschirm starre, kann ich gar nicht sagen.
Mache ich es? Mache ich es nicht?
Was hab ich schon zu verlieren?
Die Nachricht eines Kumpels hat sich schon in meine Augen gebrannt. Den Link zu einer Community kann ich mittlerweile auswendig aufsagen.
Ob ich mich anmelde?
Meine Finger klopfen immer noch auf die Tischplatte. Irgendwann muss sie durch sein.
Ach egal, tu es einfach.
Schnell habe ich den Link in meine Browserzeile kopiert und mir einen Account zugelegt. Wie sagte der nette Tennisspieler doch einmal? „Ich bin drin, das war ja einfach!“
Ich gehe nicht davon aus, gleich am ersten Tag Leute kennenzulernen, geschweigedenn die große Liebe zu treffen, aber meine Neugier findet durch die spontane Anmeldung doch genügend Futter.
Anstatt die Tischplatte zu malträtieren, tippen meine Finger nun auf der Maus herum. Sie klicken mich durch Profile, Forenthreads und verschiedene Berichte, die meine Augen nicht schnell genug lesen können. Am liebsten würde ich alles auf einmal betrachten, aber das wäre dann wohl doch zu viel des Guten.
Irgendwie ist es wie früher.
Als ich mich in meinem ersten Forum angemeldet habe.
Das war damals totales Neuland für mich, aber ich hatte mich schnell eingelebt. Ja, es war sogar wie ein kleines virtuelles Plätzchen zum ausruhen nach der Schule geworden.
Es hatte mich sehr geprägt, wenn ich heute bedenke was die damals ebenfalls kurze Anmeldung mit sich brachte… Neue Bekanntschaften, erweitertes Wissen, Freundschaften, bis schließlich zur ersten großen Liebe…
Was ein Klick nicht alles noch mit sich zieht…
Aber das ist Vergangenheit und ich lebe in der Gegenwart.
Also stöbere ich doch noch ein wenig weiter und…oh, siehe da. Ein netter Thread. So einen ähnlichen gab es damals auch…nur damals hatte ich mich nie in diese Gruppierung einfinden können. Aber jetzt…hm, ach probieren wir es einfach mal.
Schnell sind die betreffenden Zeilen geschrieben und der erste Post macht sich auf den Weg.
Ich hatte schon fast vergessen, wie es sich anfühlt, die eigene Meinung der ganzen Welt entgegenzuschreiben. Ich glaube, daran könnte ich mich wieder gewöhnen.

Keine fünf Minuten später erhalte ich doch tatsächlich eine private Nachricht.
Hoppla, das ging ja doch schneller als gedacht. Ähm…der Nickname, eine seltsame Kombination aus Buchstaben und Zahlenanhang. Ja gut, üblich für Forenbenutzer, warum auch nicht?
Ein Mädchen hat mir geschrieben. Hm, ich lege den Kopf schief. Schaut nicht übel aus, hat sogar einen ähnlichen Kleidungsstil wie ich, nämlich schwarz. Das sieht man nicht oft.
Was schreibt sie denn…ah, bezüglich meines Posts. Aha, verstehe, sie ist diejenige, die den Thread eröffnet hat. Alles klar. Na dann mal eine fixe belanglose Antwort zurückgeschrieben.
Bei der Gelegenheit kann ich doch gleich mal ihr Profil inspizieren, ich glaube das war vorhin noch nicht dabei.
Ich staune nicht schlecht, als ich lese, dass sie erst vierzehn Jahre alt ist.
Das hätte ich dem Bild nach nicht gedacht. Aber die jungen Mädels sehen heutzutage oftmals älter aus als sie sind.
Nur leider zeigt mir meine Uhr schon an, dass es Schlafenszeit ist. Also ruck zuck den PC aus und ab ins Körbchen.

Das war damals im Oktober.
Ein harmloser Tag im Internet und doch der Beginn von etwas ganz Großem…

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Beitragvon RomanoP » 01.02.2010 18:10

Hey Raz,
mehr davon..... Ich finde die Story nimmt eine tolle Form an und es wird immer spannender!!! Freue mich schon auf den nächsten Ausschnitt ;)

Romano

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann.
Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Hast du alles, fragte er. Er nahm seine Hand und sagte jetzt schon!

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Beitragvon Raz » 01.02.2010 21:14

~Heute~

Die Tür ist mit einem lauten Knall ins Schloss gefallen.
Das ist sonst so gar nicht meine Art, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Und das jetzt ist definitiv nichts, was ich jeden Tag erlebe. Im Gegenteil.
Mit dem Rücken an der Tür rutsche ich an ihr hinab, bis ich auf dem Fußboden meines Zimmers sitze. Ich stütze die Arme auf meinen Knien ab, lege den Kopf hinein und schließe die Augen. Es ist ein widerliches Gefühl, wenn das eigene Innere unaufhörlich wütet. Als ob sich der Geist vom Körper trennen wällte.
Ich habe ja nicht erwartet, dass ich positive Reaktionen erhalte, wenn ich offen zu meiner Liebe zu Tamara stehe. Deshalb habe ich es bislang auch geheim gehalten und stillschweigend in mich hineingelächelt, eben aus Gründen, wie sie jetzt eingetreten sind.
Ein Streit mit meiner Mutter.
Dabei hatte ich eigentlich gedacht, dass sie es nachvollzieht, immerhin ist ihr Freund dreizehn Jahre jünger als sie!
Aber da habe ich mich wohl geirrt…
Wieder kommt ein Gefühl auf, dass ich eigentlich nicht bei mir wissen möchte.
Der ewige Konflikt zwischen Herz und Verstand.
Doch bevor es die Oberhand gewinnen kann, stehe ich auf. Ich springe regelrecht auf und setze mich an meinen PC. Innerhalb weniger Minuten ist er hochgefahren und ich online.
Es dauert keine fünf Sekunden, da werde ich im Messenger angeschrieben.
Natürlich ist es Tamara. Und mein Herz macht einen kleinen Hüpfer, als ich ihren Namen lese.

T (Tamara): Hallo Schatz
L (Line): Hey
T: Wie geht es dir?
L: Es geht so
L: Und dir?
T: Ganz gut
T: Du Schatz?
T: Tut mir leid, ich muss ganz schnell weg
T: Bis irgendwann, ja?
T: Ich liebe dich
Tamara ist offline


Das…ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?
Ich schließe das Nachrichtenfenster. Die Nachricht, die ich währenddessen in das Textfeld eingegeben hatte, bleibt unabgeschickt und verschwindet mit dem Fenster.
„Ich bin so froh, dass du da bist. Ich habe dich vermisst, hier geht alles drunter und drüber…“
Ich überprüfe noch kurz meine Mails, dann ist der PC auch schon wieder aus.
Was soll ich denn auch dran? Der einzige Grund hat sich eben verabschiedet.
Dabei hatte Tamara doch gemeint, sie sei krank. Was will sie also so schnell verschwinden? Dann wird es doch nicht besser…
„Ach, verdammt!“
Ich schlage mit der Faust auf meinen Schreibtisch. Nun gewinnt es doch die Oberhand. Das Gefühl von eben. Mein Kopf gleitet zeitlupenartig auf die Tischplatte, meine Hände graben sich in meine Haare.
Es ist mein Verstand, der sagt, dass ich mich völlig zum Idioten mache.
Dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, meine Sorgen mich nur unnötig fertig machen. Dass ich endlich einsehen soll, dass es doch alles nur Quatsch ist. Eine Illusion.
Mein Herz meldet sich dagegen, indem es sagt, dass ich frei lassen soll, was ich liebe, dass es zurückkommt, wenn es wirklich mir gehört.
Und das ist nur die Kurzfassung.
Soll ich jetzt auf meinen Verstand hören, nur weil er mehr Argumente hat?
Doch diese Gedanken, kann ich nicht verfolgen, denn es klopft an der Tür und vorsichtig lugt meine Mutter ins Zimmer.

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Beitragvon Raz » 02.02.2010 18:49

„Darf ich reinkommen?“
Ich nicke meiner Mutter über die Schulter hinweg kurz zu. Daraufhin schlüpft sie durch den Spalt und schließt die Tür ganz leise hinter sich.
„Ist alles in Ordnung?“
„Warum fragst du?“, erwidere ich und bemerke aus den Augenwinkeln heraus, wie sie sich auf mein Bett setzt, die Hände im Schoß gefalten. Meine Mutter zögert kurz. Die Frage bezieht sich also nicht auf unseren Streit. „Du siehst ganz blass aus. Und schaust auch nicht gerade zufrieden drein.“ „Schon ok.“, lautet meine knappe Antwort. Doch in meinem Kopf setzt sie sich fort. Du hast ja Recht, geht es da weiter. Meine Freundin fährt mal wieder zu Kumpels. Oder von dort wieder nach Hause. Aber so genau weiß ich das nicht. Woher auch? Ich bin ja grundsätzlich die Letzte, die das erfährt…wenn überhaupt. Ich bin dann nur diejenige, die sich anhören darf, wie ihre Krankheit sie nervt. Kein Wunder, wenn sie trotz allem in der Welt herumgeistert…
„Ach, verflucht!“, knurre ich und schlage erneut mit der Handfläche auf den Tisch.
Prompt zuckt meine Mutter zusammen. Ihr erschrockener Blick haftet auf mir, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
„Ist wirklich alles okay?“

~Oktober~

„Line!“
„Ja?“
„Du hast eine neue Nachricht bekommen!“
„Von wem ist sie denn?“
Als meine Mutter mir den seltsamen Nickname aus Buchstaben und Zahlen vorliest, verschlucke ich mich fast an meinem Schluck Wasser. Sofort springe ich auf und sprinte ins Wohnzimmer. „Hier.“, sagt meine Mama und fährt mit dem Zeiger der Maus über den Monitor. Tatsächlich. Eine Nachricht von ihr. Das Mailprogramm wird ja wohl nicht lügen.
Manche Emailbereichte kommen noch auf dem PC meiner Mutter an. Eine Angewohnheit, die ich noch nicht abgeschafft habe, seit mein PC wieder läuft. Aber es hat auch was Gutes, denn wenn ich Arbeitsblätter für die Schule erhalte, kann ich sie sofort ausdrucken.
„Hast wohl schon einen Fang in der Comunnity gemacht?“
„Ich? Nein.“, winke ich ab und kratze mir am Kopf. „Wer ist das?“ „Ach das…das ist ein Mädel, mit dem ich mir ab und an schreibe.“ „Schön, dann hat es ja doch geklappt.“
„Mama!!!“, platzt es aus mir heraus. „Sie ist vierzehn! Das ist nichts Ernstes!“
„Vierzehn?“, schaut mich Mama skeptisch an. „Und da weiß sie schon, dass sie auf Frauen steht?“ „Sie ist bi. Außerdem wusste ich das in dem Alter schon lange!“, widerspreche ich sofort. In der nächsten Sekunde ist meine Mutter schon wieder damit beschäftigt, ihre eigenen Mails durchzusehen: „Soso…“
Ich dagegen mache auf dem Absatz kehrt und verschwinde wieder in mein Zimmer.
Tamara und ich? Neee, das würde doch nicht gut gehen. Sie ist doch viel jünger als ich…
Im Vorbeigehen erhasche ich einen Blick auf mein Spiegelbild. Ein junges Mädel mit zerzausten schwarzen Haaren und offenen Augen schaut zurück. Und hat sanft errötete Wangen. Ich schüttele nur den Kopf.

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Beitragvon Raz » 02.02.2010 21:07

Tamara hat mir tatsächlich geschrieben!
Sie entschuldigt sich dafür, dass sie die letzten Tage nicht schreiben konnte und fragt, wie es mir geht. Und…ob ich so etwas wie MSN besitze.
Ähm, ja klar.
Und noch bevor mir überhaupt klar wird, dass sie sogar schon ihre Addy mitgeschickt hat, tippe ich eine Antwort zurück, natürlich auch mit meiner Addy.
MSN habe ich schon lange nicht mehr benutzt. Könnte ja nicht schaden, mal den alten Staub davon zu wischen, soweit ich weiß habe ich da einige tolle Smileys gespeichert.
Keine zwei Minuten später blinkt ein Textfeld.
Tamara.

Oh weh.
Einige Tage später lasse ich mich erschöpft in meinen Sessel zurückfallen. Der PC ist gerade runtergefahren. Als ich meine Hand auf das Gehäuse lege, merke ich, wie warmgelaufen er ist. Gut zu vergleichen mit mir. Meine Stirn fühlt sich nicht anders an.
Wie lange war ich jetzt online?
Sicher knapp drei Stunden am Stück. Eigentlich gar nicht üblich für mich. Aber das ist in den letzten Tagen ziemlich oft vorgekommen, dass ich so ganz gegen meine Gewohnheit im Internet geblieben bin.
Wieder einmal habe ich mit Tamara gechattet. Puh, das war ganz schön anstrengend. Ich habe gemerkt, dass sie eine ganz eigene Person ist, ein Charakter für sich. Sie wechselt öfters mal sprunghaft die Themen und nutzt gerne und viel irgendwelche Abkürzungen. Das bin ich gar nicht gewohnt, da ich eine ganz andere Art zu schreiben habe wie sie.
„Das wird mal nichts mit uns.“, schießt es mir durch den Kopf und so frei meine Gedanken sind, stellen sie sich gerade vor, wie es wäre, mit dem Mädchen zusammen zu sein.
„Ach, so ein Quatsch, viel zu anstrengend.“, spreche ich mir immer wieder vor.

~Heute~

Ich schüttle den Kopf.
Daraufhin blickt meine Mama nur noch besorgter drein. „Aber was ist denn los?“
„Nichts.“, antworte ich und muss unweigerlich daran denken, wie oft ich schon Tamara gegenüber mit „nichts“ geantwortet habe, als sie fragte was los sei.
„Ich möchte nur nicht ständig mit dir streiten. Können wir die Sache von eben nicht einfach vergessen?“
Eine Halbwahrheit.
Ja, ich möchte wirklich nicht mit meiner Mutter streiten.
Andererseits, das was mich noch mehr belastet…das würde den Streit nur wieder neu anfachen.
„Na klar doch, Schatz.“ Sie steht auf und umarmt mich. „Ich hab ja auch etwas überreagiert, aber ich mache mir eben nur Sorgen um dich.“ „Brauchst du nicht.“
Als meine Mama das Zimmer wieder verlassen hat, sinke ich auf meinem Platz wieder zusammen. Mein Blick wandert zu dem Foto von Tamara, das auf meinem Schreibtisch steht.
Wie sie mir so entgegenlächelt, durchfährt mich ein ganz warmes Gefühl. Ihre blauen Augen, so himmelblau, laden gerade dazu ein, in ihnen zu versinken. Ihr Lächeln bereitet mir ein Kribbeln in der Magengegend.
Im Hinterkopf höre ich ihre Stimme. Wie sie mir das erste Mal gesagt hat, dass sie mich liebt.
Ich nehme Tamaras Foto in die Hand. Streiche mit dem Finger sanft über das Gesicht. Flüstere ihren Namen.
„Du sagst, du liebst mich…“
Aber was, wenn die anderen Recht haben, führe ich in Gedanken fort.

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Beitragvon Raz » 03.02.2010 14:05

~Oktober~

Ja klar habe ich eine Cam.
Ganz zögerlich tippe ich den Satz in das Textfeld ein. Ein paar mal lösche ich ihn wieder. Dann tippe ich ihn erneut ein. Einige Male geht das so hin und her, bevor ich doch auf die Enter-Taste drücke und Tamara meine Antwort erhält.
Ich runzle meine Stirn. Herrje, wer weiß was ich jetzt wieder angefangen habe.
Ich habe noch nie eine Web-Cam benutzt. Gut, eigentlich schon, aber das war als mein Cousinchen im Urlaub war und uns berichtet hat, wie schön der Strand war.
Aber da wusste ich auch, wer mich am anderen Ende der Leitung erwartet.
Gut, jetzt weiß ich das ja auch. So irgendwie. Ich habe schon einige Fotos von Tamara zu Gesicht bekommen. Einschließlich der Bilder aus ihrem Profil. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass sie nicht hübsch wäre. Etwas hat sie an sich, was sie mir auf den ersten Blick richtig sympathisch gemacht hat.
Das Textfeld blinkt wieder auf.
Tamara hat mir eine Einladung zur Web-Cam-Übertragung gesendet.
Mir klappt der Mund auf. Ähm…das ging jetzt doch…etwas schnell…
>Nanu, wer wird denn da rot? :P<schreibt>Das liegt sicher an meiner Kameraeinstellung. Oder an meiner Lampe. Die leuchtet immer so rötlich.<Tamara>Lampe, so so :P<
Jetzt muss ich auch grinsen. Wie peinlich. Ich hätte doch was viel besseres antworten können. Etwas, das nicht so kindisch klingt. Aber. Auch gut. Wir müssen beide lachen.
Ja, Tamara sieht genauso aus, wie ich sie von den Fotos kenne.
Natürlich ist eine Web-Cam-Übertragung nicht so präzise wie ein leibhaftiger Mensch, aber ich erkenne ihre Züge. Vor allem ihren Blick. Wenn Tamara etwas näher an ihre Kamera heran kommt, erkenne ich ihre blauen Augen. Sie sind wirklich blau. Eine stechende, auffällige Farbe, aber irgendwie wirkt sie nicht kalt. Nein, ganz im Gegenteil.

Wenn ihr Blick mich streift, und sei es nur virtuell, dann glaube ich, sie wäre wirklich da. Das klingt idiotisch, ich weiß, aber ich glaube, dann kann sie mich wirklich sehen.
Gut, tut sie ja irgendwie auch. Aber…mir fehlen da die Worte, um das zu beschreiben.
In den Tagen darauf haben wir das ein oder andere Mal wieder gecamt. Je nachdem wie es von der Zeit her klappte. Manchmal hat Tamara ihre Augen mit Kajal nachgezogen.
Dann erinnert sie mich immer an ein Mädchen aus vergangenen Zeiten. Jemanden, wegen der ich meine Ex eventuell hätte verlassen können…
Zumindest blieb ich immer an diesem besonderen Blick hängen.

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Re: Trauriges Mädchen

Beitragvon Raz » 27.02.2010 13:41

~ Heute ~

Es ist das erste Mal, dass ich mir wünsche, es gäbe kein Wochenende.
Die beiden Tage, auf die ich mich sonst immer so freue sollen einfach schon vorbei sein. Oder am besten gar nicht erst existieren.
Die Stunden ziehen sich ins Endlose. Was sonst immer viel zu schnell vorüber geht, scheint dieses Mal fast stehen zu bleiben. Die Sekunden auf meiner Uhr nehmen sich ihre Zeit. Sie lassen sich nicht hetzen, sie blinken langsam vor sich hin, eine nach der anderen. Langsamer als sonst.
Wie lange ist ein Wochenende eigentlich? 2 Tage. 48 Stunden. 2880 Minuten. 172800 Sekunden.
Lang.
Viel zu lang.
Wie ich diese Zeit rumbekommen soll, weiß ich nicht.
Ja…ich könnte Tamara anrufen. Aber nein. Sie ist nicht da.
Sie hat besseres zu tun, unternimmt etwas, während ich, wie immer, nur zu Hause in meinem Zimmer sitze und wieder mal feststelle, dass ich anders als alle anderen bin. Alle anderen haben Freunde, mit denen sie etwas unternehmen können. Ich habe nur Tamara. Und die unzähligen Kilometer, die uns trennen, erschweren es nur, sei es zeitlich oder finanziell.
Ich will einfach nicht mehr.
Ich komme mir richtig blöd vor, wie ich in meinem Bett liege, an die Decke starre und mich selbst bemitleide. Kein Wunder, entweder sage ich nie was, mache gute Miene zum bösen Spiel und antworte gern mit „nichts“, wenn ich nach Problemen gefragt werde. Andererseits…wenn ich dann doch mal etwas sage, diese Emotionen verstehe ich nicht mal selbst. Reagiere ich über? Oder ist das normal?
Ich drehe mich auf die Seite.
Ich zittere. Ich spüre, wie mein Inneres langsam zu beben beginnt, wie sich mir der Hals zuschnürt. Keine Sekunde später fließt unter dem Übelkeitsgefühl die erste Träne. Sie quält sich hervor und rollt heiß über meine Wange ins Kissen.
Was, wenn die anderen wirklich Recht haben?
Was, wenn sich meine Ängste bestätigen…was, wenn jetzt wieder etwas schlimmes geschieht, wie vor über einem Jahr…wenn es wieder genauso beginnt wie jetzt…

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